Geschichte des Gestüts

 

Erfolgreiche Pferdezucht im Wandel der Zeit

Harzburg ist nicht nur das älteste deutsche Gestüt, es gehört auch zu den ältesten Pferdezuchtstätten ganz Europas. Historischen Überlieferungen zufolge wurde es um das jahr 1413 gegründet, zu einer Zeit also, als die braunschweigischen Herzöge endgültig in den Besitz der Harzburg gelangten. Die Herzöge brauchten Gestüte, um ihre Hofhaltung mit Pferden zu versorgen und ihre Wehrkraft zu stärken. Erstmals urkundlich erwähnt wurde es 1542.

Heimat von fünf Derbysiegern

Seine Blütezeit erlebte das Gestüt, Heimat von Derbysiegern und Spitzengaloppern, Ende des 19. Jahrhunderts. In ersten Aufzeichnungen über die Pferdezucht im Amte Harzburg ist noch von „Wilden“ (Stuten) und ihren Fohlen die Rede, die an Walpurgis (nach altem Kalender der 11. Mai) auf die Waldweiden gebracht wurden, wo sie nicht selten Opfer von Wölfen wurden. So hielt ein Zeitzeuge schriftlich fest, dass die Raubtiere 1643 „Pferde fast bey 40 zerrissen haben“.

Sieben Jahre später ordnete Herzog August an, dass die Pferde nicht mehr zur Winterfütterung verschickt, sondern in Harzburg bleiben sollten. Eine Maßnahme, die später zu der Behauptung geführt haben mag, der Welfenherzog, Stammvater des Hauses Braunschweig, habe das Gestüt gegründet.

In den Napoleonischen Kriegen wurden die Harzburger Stuten und Fohlen ins Gestüt Neuhaus im Solling, die Hengste ins Sababurger Gestüt ausquartiert. Nach dem Zusammenbruch der Herrschaft Napoleons (1815), während der der Amtshaushalt zur französischen Domäne und die Grundstücke des Gestüts und deren auf dem Grund und Boden des Amtshaushaltes stehenden Gebäude zu einer westfälischen Krondomäne erklärt wurden, stand der damalige, sehr erfolgreich tätige Leiter des Gestüts, Karl Florian von Thielau, vor dem Nichts, als dieses wieder eingerichtet werden sollte. Mit viel Eifer gelang von Thielau der Neuaufbau einer verbesserten Zucht. Nach von Thielaus Tod begann 1831 die Ära der Freiherren von Girsewald. Bis 1858 war Oberstleutnant Gustav Conrad von Girsewald Chef des Gestüts, dem Alexander (1858 – 1886) und Wilhelm von Girsewald (1886 – 1920) nachfolgten.

Steiler Aufstieg

Mit der Aufstellung erfolgreicher Hengste, darunter der englische Derbysieger von 1832, Phosphorus, und dem Ankauf von zwanzig erstklassigen englischen Mutterstuten, die zwischen 1837 und 1842 den Weg in den Harz fanden, ging es mit dem Gestüt steil bergauf, doch ließen Rückschläge nicht lange auf sich warten. Bereits 1849 wurde das Gros der Vollblutstuten wieder verkauft, die in neuem Besitz großen Einfluss auf die deutsche Vollblutzucht nahmen.

Die Ära von Girsewald

Zwölf Jahre später kam das alte Amtshaus, das heutige Bündheimer Schloss, zum Gestüt, welches durch die Ergänzung um einen neu angelegten „Gestütspark“ und eine Reithalle das jetzige Aussehen bekam. Neben dem Schloss wurde auch der so genannte „Lange Stall“, gestern wie heute Keimzelle der Bündheimer Vollblutzucht, aus den Steinen der auf dem Burgberg über der Stadt gelegenen Harzburg errichtet, die nach dem Dreißigjährigen Krieg abgerissen wurde. 1869 legte Oberstallmeister Alexander von Girsewald den Grundstein für eine neue Vollblutzucht für Rennzwecke und führte die Harzburger Vollblutzucht zu neuer Blüte.

Als erster Derbysieger aus Harzburg gewann Hymenaeus, der als Fohlen mit seiner Mutter Cantata aus England nach Bündheim gekommen war, 1872 das „Blaue Band“. Ihm folgten Paul (1874), Hardenberg (1893) und Trollhetta (1896). Mit dem Ausscheiden Wilhelm von Girsewalds hörte das herzoglich-braunschweigische Hofgestüt auf zu existieren. Es wurde an den Freiherrn von Lyncker verpachtet. In dessen Zeit fielen die risikoreichen Expeditionen zu den Auktionen in Amerika. Nach dem Riesenerfolg im Jahre 1926 endete das Abenteuer ein Jahr später in einem finanziellen Fiasko. Das Gestüt wechselte wieder einmal den Besitzer.

Auf den glücklosen von Lyncker folgten Graf Helldorf und der Reeder Wriedt aus Bremen. Nach der Gründung der staatlichen Braunschweig GmbH wurde die Gestütsleitung Landstallmeister Schulze-Dieckhoff übertragen, bevor der Zweite Weltkrieg die nächste gravierende Zäsur in der wechselvollen Gestütsgeschichte brachte.

„Klein Graditz“

In den Wirren der Nachkriegszeit hing die Zukunft des Gestüts an einem seidenen Faden. Alle eigenen Stuten gingen verloren, sodass Arthur von Schmidt, der 1949 vom Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium mit dem Wiederaufbau des Gestüts beauftragt wurde, praktisch bei Null anfangen musste. Der Neubeginn der Harzburger Vollblutzucht basierte im Wesentlichen auf Mutterstuten des in Torgau gelegenen Hauptgestüts Graditz, die am Schlosspark eine neue Heimat fanden. So war Harzburg in Rennkreisen auch als „Klein Graditz“ ein Begriff.

Als Nachfolger Arthur von Schmidts übernahm mit Landstallmeister Dr. Dr. Wilhelm Uppenborn einer der profiliertesten Hippologen Deutschlands am 1. April 1962 die Gestütsleitung. Unter Dr. Uppenborn ging es mit dem Gestüt, das Anfang 1966 von der damaligen Braunschweigischen Staatsbank übernommen wurde, die es der Braunschweig GmbH, einer 100-prozentigen Tochter der Norddeutschen Landesbank, angliederte, wieder bergauf. Ihre Krönung fand die von Dr. Uppenborn eingeleitete Reorganisation der Bündheimer Pferdezucht mit dem Ankauf des Ausnahmegaloppers Luciano, Derbysieger 1967, der ein Jahr später für knapp eine Million Mark in den Besitz des Gestüts überging und Am Schlosspark als Deckhengst aufgestellt wurde.

Zurück im Rampenlicht

Der populäre Dunkelbraune mit der auffälligen Blesse und dem graumelierten Schweif, den Dr. Uppenborn gegen ausländische Konkurrenz in den Harz holte, brachte das Gestüt über Nacht zurück ins Rampenlicht. Als das Markenzeichen des deutschen Galopprennsports schlechthin, wurde Luciano auch in der Zucht ein Großer. Alle führenden Gestüte nahmen die Dienste des Neu-Harzburgers in Anspruch. Zu den zahlreichen Gruppe-Siegern, die Luciano zeugte, gehörte auch der aus der Bellary gezogene Babant. Der Hengst avancierte zum gewinnreichsten Pferd des Gestüts Harzburg nach dem Krieg. Er wurde später als Deckhengst nach Polen verkauft. Auf den nächsten Derbysieger nach Trollhetta musste Harzburg 93 Jahre warten. Am 18. Juni 1989 gewann der Authi-Sohn Bündheimer unter Terry Hellier in einem Herzschlagfinale das Österreichische Derby. Ein großer Erfolg für die Harzburger Zucht, der durch den zweitplatzierten Arakan (Authi – Arabelle) abgerundet wurde.

Für Gustav Klotz, der am 1. Januar 1977 die Gestütsleitung übernommen hatte, ein denkwürdiges Datum, feierte der gebürtige Dresdener doch just an diesem Sonntag seinen 54. Geburtstag. Zwei Wochen später belegte Bündheimer, der später als Deckhengst in der Oldenburger Pferdezucht wirkte, im deutschen Deutschen Derby einen ausgezeichneten 6. Platz. Der Luciano-Enkel, der von seiner Mutter Burkau die Schimmelfarbe geerbt hatte, ist bis heute der einzige Harzburger, der in den eigenen, traditionsreichen blau-gelben Gestütsfarben ein Derby gewann.

In die Amtszeit von Klotz fiel aber auch der verheerende Gestütsbrand im April 1980, bei dem zehn wertvolle Zuchtstuten ein Opfer der Flammen wurden (siehe eigenes Kapitel). Das betroffene, an den „Langen Stall“ angrenzende Stallgebäude, wurde postwendend an gleicher Stelle wieder neu aufgebaut und trägt seit dieser Zeit den Namen „Luciano-Stall“.
Nach 20-jähriger Tätigkeit gab Gustav Klotz den Gestütsleiter-Stab Anfang 1997 an Andreas Kißler weiter. Für den Agrar-Diplom-Ingenieur steht die Vollblutzucht an erster Stelle. Das wird auch mit einer deutlichen Qualitätssteigerung der gestütseigenen Mutterstutenherde dokumentiert.

Internationale Blutströme

In den vergangenen Jahren hat das Mutterstutenlot des Gestüts durch den Ankauf exzellent gezogener Neueinstellungen mit entsprechend guten Rennleistungen eine kräftige internationale Blutauffrischung erfahren. Das nährt die Hoffnung, dass die Bündheimer Vollblutzucht eines Tages wieder den Stellenwert erreichen könnte, der ihr auf Grund der jahrhundertlangen Tradition gebührt.
Aber auch bei der Deckhengst-Haltung hat sich das Gestüt Harzburg wieder engagiert und profiliert. So kaufte Andreas Kißler 2002 den hocherfolgreichen Deckhengst Platini, der selbst schon Champion-Rennpferd und auch Champion-Vererber gewesen ist. Mit dem Surumu-Sohn Platini öffnete sich das Gestüt noch mehr den internationalen Züchtern. Jedes Jahr werden Zuchtstuten aus dem europäischen Ausland in der Vollblutzuchtstätte am Bündheim Schlosspark begrüßt.

Listensieg in Baden-Baden

Gestütsleiter Kißler strebt eine breite internationale Ausrichtung nicht nur in der Zucht an. Siege und Platzierungen in Italien des gestütseigenen Rennstalles sind möglich geworden. 2003 richtete der Gestütsleiter einen kleinen, aber feinen Rennstall in Irland ein und konnte gleich 2004 einen viel beachteten Zweijährigen-Sieg in Irland feiern. Die Stute Moyenne, aufgezogen in Bündheim, heute im Rennstall in Irland, ließ auch 2005 die blau-gelben Gestütsfarben in Baden-Baden leuchten. Hier gewann die Stute das Scherping-Rennen, ein international besetztes Listenrennen mit fünf Längen, und wurde hierfür vom Handicapper mit 90,5 Kilogramm im Jahres-GAG (*1) eingestuft. So erhält die Harzburger Stutenherde in Kürze starke und hochklassige Ergänzung in der Stute Moyenne.

Auch als Pensions- und Aufzuchtgestüt macht sich das Vollblutgestüt zunehmend einen Namen. Zahlreiche Aufzuchterfolge, auch international, sprechen Bände, wie auch Pferdeverkäufe in das gesamte europäische Ausland, sowie nach Russland, Asien und in den Iran.

Traditionell ist das Vollblutgestüt Harzburg daneben auch Gastgeber aller Rennpferde, die zur Harzburger Rennwoche anreisen und hier an den Start gehen. So werden jährlich zur Rennwoche zusätzlich zu den Zuchtpferden rund 350 Rennpferde im Gestüt untergebracht, was eine entsprechend große Logistik für Futtermittel wie Heu und Stroh verlangt.

Denkmalgeschützte Anlage

Landschaftlich und architektonisch braucht sich Harzburg ohnehin nicht hinter den führenden Gestüten der Republik zu verstecken. Auf 63 Hektar Wiesen und Weiden lässt es sich als Pferd gut leben. Für die Unterbringung stehen 150 überdurchschnittlich große Boxen zur Verfügung. Blickfang der denkmalgeschützten Gestütsanlage ist das imposante, 1938 erbaute „Niedersachsen-Fachwerkhaus“ an der Einfahrt zum Gestütshof, in dem der Gestütsleiter standesgemäß residiert.

Die Norddeutsche Landesbank, über ihre hundertprozentige Tochter ,,Braunschweig GmbH’’ seit 1966 Besitzer des Gestüts, fühlt sich aus historischem Bewusstsein heraus verpflichtet, auch künftig ihren Teil zur gelungenen Symbiose der Bündheimer Vollblutzucht zwischen Tradition und Fortschritt beizutragen. Wie sagte doch der ehemalige Generalbevollmächtigte der Nord/LB, Dietrich Fürst:

„Solange das Ross im Wappen Niedersachsens springt, wird die Nord/LB auch das Gestüt halten.“

Die Nord/LB ist allerdings nicht nur Besitzer des Gestüts, sondern auch einer der Hauptsponsoren des Harzburger Rennvereins. So ist der ,,Große Preis der Norddeutschen Landesbank’’ seit vielen Jahren auch das höchstdotierteste Rennen des gesamten Meetings. Doch auch wo nicht Nord/LB draufsteht, ist zuweilen Nord/LB drin. Neben dem Gestüt Harzburg gehört auch die Porzellanmanufaktur Fürstenberg zu den Beteiligungen des Bankinstitut, die beim Galoppmeeting am Weißen Stein ebenso wie das Gestüt mit einem eigenen Rennen präsent ist. Rennvereinspräsident Wilhelm Baumgarten hob in der Vergangenheit immer wieder die große Bedeutung einer engen Zusammenarbeit mit dem Gestüts Harzburg hervor, die für den Pferdesport in der Kurstadt von existenzieller Bedeutung sei: ,,Ohne das Gestüt gäbe es keine Rennwoche.’’


(*1) Das GAG (Generalausgleichsgewicht) ist ein theoretisches Gewicht, das von den vom Galopper-Dachverband in Köln beauftragten Ausgleichern (Handicappern) am Ende jeder Rennsaison festgelegt wird. Im GAG werden die Leistungen alle in Deutschland gelaufenen Rennpferde in Relation zueinander gebracht. Würde etwa der aktuelle Derbysieger gegen ein Ausgleich-IV-Pferd antreten, würde der Jahrgangsbeste mit so viel und sein Gegner mit so wenig Gewicht belastet, dass theoretisch beide auf gleicher Höhe das Ziel erreichen würden.